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Der Opa ist gegangen

 
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Der Opa ist gegangen
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Retepom
verstorben


Anmeldungsdatum: 12.10.2007
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Beitrag Der Opa ist gegangen Antworten mit Zitat
Trauerfeierlichkeiten in der Pampa nach den Rieten des Isaan.

Es war am Mittwoch  Morgen.  Da herrschte Betriebsamkeit denn der Opa meiner Frau, das 91 jährige Familienoberhaupt lag seit einer Woche im Krankenhaus in Chachoengsao. In Thailand ist es Brauch, dass Niemand alleine gelassen wird. Es sind also immer ein paar Leute im Krankenhaus, die dort auch übernachten und den Patienten pflegen. Alle zwei Tage kommt dann die Ablösung, die wir heute stellten. Dem Opa ging es sehr schlecht. Er konnte auch nichts mehr essen.

Nun machten wir uns bereit zur Abfahrt. Allerdings ging es mir an diesem Morgen auch nicht sehr gut. Ich passe immer höllisch auf, was ich esse, denn die hygienischen Umstände hier in der Pampa sind nicht immer gerade die Besten. Nun ja, diesmal hatte es mich mal wieder erwischt. Kommt manchmal trotz größter Vorsicht vor. Montezuma?s Rache hatte mich mit aller Härte getroffen. Magenkrämpfe und die Flucht zum Örtchen alle 5 Minuten machten mir doch schwer zu schaffen. Da mit 9 Leuten in einem Pickup eine längere Fahrt zu unternehmen, stellt einen doch vor so manche Schwierigkeiten. So sagte ich also ab und der Tross fuhr ohne mich los. Na ja, den Opa würde ich dann eben in den nächsten zwei Tagen besuchen.

Am Abend kam meine Frau freudestrahlend zurück und berichtete, dass es dem Opa wieder besser ginge. Er war sogar schon morgens um 5 Uhr aufgestanden und hatte gesagt, dass ja heute der Peter zu Besuch käme. Er hat mich beim Namen genannt, wie er es immer tat. Er sprach nie abwertend vom Farang. Ja, der Opa war enttäuscht, als ich nicht dabei war und lies mir sogar noch eine gute Besserung ausrichten.

Ich habe mich zwar über diese Tatsachen sehr gefreut, die Euphorie meiner Frau konnte ich jedoch nicht teilen. Ein Gefühl sagte mir, dass dies wahrscheinlich ein letztes Aufbäumen gegenüber dem Tod war.  Und ich sollte Recht behalten. Am Donnerstag um 3 Uhr morgens erhielten wir den Anruf aus dem Krankenhaus. Der Opa ist tot.

Er ist tot und ich hatte ihn nicht mehr sprechen können, weil ich irgend einen Mist gegessen hatte. Wieder mal eine verpasste Gelegenheit, wieder einmal zu spät gekommen, zu spät, einen Menschen, den man ins Herz geschlossen hat,  ein letztes mal zu sprechen.

Ich mochte ihn, diesen schrulligen alten Mann, der immer mit einer selbstgedrehten Tabaktüte im Mund durch die Gegen lief. Ich mochte ihn, obwohl er mir manchmal doch sehr auf den Keks ging. Besonders wenn er zu viel Lau Kau intus hatte. Dann setzte er sich immer neben mich und erzählte stundenlang aus seinem Leben. Er konnte einfach nicht begreifen, dass ich kein einziges Wort verstand. Das war aber auch irgendwie egal. Wir hatten zusammen so etwas wie eine Symbiose entwickelt. Ich hatte das Familienoberhaupt für mich gewonnen, und er hatte jemanden, der ihm endlich mal zuhörte.

Nun zum Ablauf der Feierlichkeiten, die drei Tage dauern sollten:

Es ging, mitten in der Nacht eine Betriebsamkeit los, die ich so noch nicht erlebt habe. Motorräder und Autos machten die sonst sehr ruhige Gegend geradezu zu einer Hauptverkehrsader. Die Neuigkeit musste ja schließlich verbreitet werden und Vorbereitungen für die Ankunft des Leichnams um 10 Uhr getroffen werden. Ein Hämmern und Werkeln setzte ein. Gespenstisch, so mitten in der Nacht.

Dann, so ca. 10:00 Uhr traf der Leichnam ein. Ich war nicht dabei, ließ mir aber erzählen, dass er gewaschen und eingesargt wurde. Die Männer stellten vor dem Haus ein großes Zelt auf, während die Frauen sich daranmachten das große Festmahl am Abend vorzubereiten.

Den ganzen Tag über herrsche emsige Betriebsamkeit. Leute kamen um den letzten Gruß zu erweisen und der Oma ihr Beileid auszudrücken. Natürlich wurden sie dabei auch verköstigt.

Über der ganzen Szene lagen die Klänge einer sehr monotonen, aus wenigen Takten bestehenden Melodie, die den ganzen Tag über laufend wiederholt wurde. Eine Todesmelodie  aus dem Isaan Die geht mir bis heute noch nicht aus dem Sinn. Meine Frau habe ich erst abends wieder gesehen. Sie war voll mit den Vorbereitungen beschäftigt. Die ganze Familie hatte in der Küche, Hof zu tun und kümmerte sich um die Gäste. Es wurden zwei Schweine und ein Rind geschlachtet. Ich hielt mich da ein wenig fern.

Am Abend dann gingen wir, schwarz gekleidet, zur großen Feier. Der Oma drückte ich mein Beileid aus, wobei ich sie in den Arm nahm. Diese sonst in Thailand unübliche Geste hatte sich zwischen der Oma und mir so eingebürgert. Als ich sie los lies, wischte sie sich ein paar dicke Krokodilstränen aus den Augen. Ich muss gestehen, ich tat in diesem Moment dasselbe.

Der Sarg selbst war nicht zu sehen. Er befand sich in einer spezielle, aus Ziermetall bestehenden Truhe, einem speziellen Kühlschrank. Diese war geschmückt mit Blumen, Bändern usw. Neben dem Bild des Opa steckte nur jeder ein Räucherstäbchen an, als letzten  Gruß.

Nun kamen die Mönche und es wurde quasi eine Totenmesse zelebriert. Das Ganze war sehr lebhaft, nicht so traurig ernst wie bei uns. Als die Mönche wieder gegangen waren, wurde das Essen aufgetragen. Und nun geschah für mich etwas Unbegreifliches.

Die Leute schlabberten das Essen in Windeseile herunter. Das ganze Festmahl dauerte knapp 30 Minuten. Dann wurden die Tische abgeräumt. Überall bildeten sich kleine Gruppen. Auch Fremde kamen plötzlich aus allen Richtungen. Auf mitgebrachten Strohmatten saßen sie auf der Strasse und im Hof. Auch an den Tischen bildeten sich Gruppen.  Und da sah ich die ersten Spielkarten. Innerhalb kürzester Zeit wurde nun das Trauerhaus in eine Spielhölle verwandelt. Es wurde gezockt auf Teufel komm raus.

Ich hab's mir dann erklären lassen. In Thailand ist das Kartenspielen oder Ähnliches streng verboten. Wer beim Kartenspielen erwischt wird, kann schon mal eine Nacht im Knast verbringen bis er die Strafe bezahlt hat. Da sich die Thais jedoch das Zocken nicht verbieten lassen, treffen sie sich an geheimen Orten, wechseln diese dann und stellen Wachen auf.

Nun, was hat dies mit einem Trauerhaus zu tun? Ganz einfach. Ein Haus, in dem der Tote noch aufgebahrt ist, ist für die Polizei tabu. So kann man ganz offiziell und unbehelligt seiner Leidenschaft, dem Zocken, nachgehen. Und das taten sie dann auch ausgiebig. Bis zum nächsten Morgen.

Der nächste Tag verlief dann ähnlich. Den ganzen Tag über wurde gekocht, was dann abends in Windeseile runtergeschlabbert wurde. Die Nacht gehörte wieder den Glücksrittern des Kartenspieles. Es ging recht lustig zu. Die Einen zockten, die Anderen hatten  sich kreuz und quer auf dem Boden verteilt und schliefen. Wieder Andere unterhielten sich recht angeregt und auch Bier war genügend vorhanden.

So kam der dritte Tag. Der Sarg wurde aus der Kühltruhe genommen und auf ein Auto geladen. In einer langen Prozession ging es dann zum nahe dem Wat gelegenen Krematorium. Mit sehr vielen Zeremonien und allerlei Bräuchen fand schließlich der letzte Akt der Trauerfeier statt. Es waren ca. 150 Leute da. Wir liefen 3 mal um das Krematorium herum. Dabei hatten wir so etwas wie Papier-Dochte in der Hand, an denen jeweils kleine Sprüche und Wünsche angebracht waren. Dabei wurden Bonbons in die Luft geworfen und mit kleinen Knallkörpern ein heftiger Lärm erzeugt. Nach diesen 3 Runden gingen wir die Treppe zum Ofen hinauf. Hier legten wir dann diese Papier-Dochte um den Sarg herum und gingen wieder nach unten. Diese Dochte wurden nun mit einer brennbaren Flüssigkeit begossen, angezündet und der Sarg in den Ofen geschoben.

Ja, damit waren die Trauerfeierlichkeiten beendet. Alle machten sich wieder auf den Heimweg.

Als ich den Rauch aus dem Kamin aufsteigen sah, wurde es mir doch recht wehmütig. Ich werde ihn vermissen, den alten Mann mit seiner Tabaktüte im Mund, den Opa, der mich niemals einen Farang genannt hatte.

_________________
Grüße aus Jomtien
Retepom
23.03.2013 12:28 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Skype-Name
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