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Die Nanny eines 900-Seelendorfes

 
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Die Nanny eines 900-Seelendorfes
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Retepom
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Anmeldungsdatum: 12.10.2007
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Beitrag Die Nanny eines 900-Seelendorfes Antworten mit Zitat
Gespräch mit einer Dorf-Bürgermeisterin

Zugegeben, ich erwartete nicht allzu viel von dem vereinbarten Gespräch mit der Bürgermeisterin unseres Dorfes. Aber sie hatte zugesagt und zeigte sich auch ein weinig erfreut über die Tatsache, dass  ein Farag ein Interview machen wollte, dass Farangs  sich überhaupt für die Obliegenheiten eines kleinen thailändischen Pampa-Dorfes interessieren. Bewaffnet mit dem Vorsatz, auch beim schweigsamsten Thai-Lächeln die innere Ruhe zu bewahren, einem kleinen Frage-Katalog, gesponsert von hochkarätigen Experten eines bekannten Thailand-Forums, einem Wörterbuch und meiner Frau als Übersetzerin machte ich mich also auf den Weg.    

Schon kurz nach Beginn des Gespräches legte ich jedoch meinen Frage-Katalog beiseite, denn ich stellte fest, dass sich dieser wohl für ein Mini-Dorf in unseren Regionen als ausreichend erwiesen hätte, jedoch hier als absolut overdressed  daher kam.

Doch beginnen wir am Anfang. Frau Puyeibaan, (46),  betreibt zusammen mit ihrem Mann eine kleine Landwirtschaft. Ein paar Rinder, etwas Reis, Manjuk eben, was man so hier anbaut. Nebenher ist sie die, von den Dorfbewohnern im November letzten Jahres wiedergewählte Bürgermeisterin.  


Go Khating, ein kleines Dorf in Ost-Thailand mit ca.900 Einwohnern, hat keine eigene Schule, kein eigenes Krankenhaus, keinen eigenen Kindergarten. All dies, sowie Feuerwehr, Altenheim und sonstiges, muss mit der nächst größeren Gemeinde, Nong Kok,  geteilt werden. Das einzige, was Go Khating in Eigenverantwortung betreibt, ist eine Bücherei. Diese besteht lediglich aus einer kleinen, offenen Hütte und beinhaltet ca. 200 Bücher.

Frage: Frau Puyeibaan, außer der Versammlungshalle und der Bibliothek haben Sie keine eigenen Einrichtungen.

Antwort: Nein, das ist alles.

Frage: Wie kommt es, dass ausgerechnet eine Bibliothek fast die einzige öffentliche Einrichtung ist?

Antwort: Die Bücher wurden uns mal von Chachoengsao geschenkt. Da wollte man diese entsorgen uns so besitzen wir nun eine eigene Bibliothek.    

Frage: Haben Sie denn  einen eigenen Etat?

Antwort: Ich bekomme für meine Arbeit 4000,00 Baht als Aufwandsentschädugung. Das beinhaltet auch ein paar Baht an Vergütung.

Das Missverständnis wurde unter viel Gelächter aufgeklärt und die allgemeine Stimmung wurde etwas lockerer.

Frage: Ich meine nicht Ihren Verdienst, ich wollte wissen,  ob es für Go Khating ein eigenes Haushalts-Budget gibt.  

Antwort: Nein, alles, was wir für unser Dorf wollen, muss ich bei unserer Amphoe in Tha Thakiap  beantragen. Hier findet einmal in der Woche eine Sitzung statt,  wo wir Bürgermeister unsere Anliegen vorbringen können. Wenn wir etwas beantragen, dann geht dies von Tha Thakiap nach Chachoengsao zur Provinzverwaltung. Dort wird es dann genehmigt, oder auch nicht.

Frage: Das bedeutet, dass Sie keinerlei kostenrelevante Befugnisse besitzen.

Antwort: Ja, wir können lediglich im Amphoe die Dinge beantragen und die Dringlichkeit etwas hervorheben. Das ist alles.

Frage: Was sind dann hier im Dorf Ihre Aufgaben bzw. Ihre Tätigkeiten?

Antwort: Zunächst einmal muss ich mich um die Leute kümmern. Die suchen bei mir Rat und Hilfe. Ich muss schauen, ob ich z. B. Arbeit vermitteln kann, wenn jemand krank ist muss ich sehen, dass ihn jemand ins Krankenhaus bringt. Ich muss mich um alles kümmern, was schief geht,  was zu richten ist. Ich schaue, ob alles in Ordnung ist, ob z. B. nachts die Strassen -Beleuchtung überall funktioniert. Wenn nicht, muss ich den Schaden an Tha Thakiap melden. Einmal in der Woche halte ich eine Versammlung ab, in der ich meine Mitbürger über Neuigkeiten aus Tha Thakiap informiere und in der dann auch Anträge gestellt, Beschwerden vorgebracht werden können. Dann, Sie wissen ja selbst, informiere ich die Leute überden Lautsprecher. Ich muss z. B. am Monatsende ankündigen, dass morgen der Kassierer kommt und der Strom bezahlt werden muss. Niemand würde von selbst daran denken. Und dann muss ich auch noch Streit schlichten.

Frage: Streit schlichten? Wie muss ich das verstehen?

Antwort: Es kommt schon mal vor, dass es ernsthaften Streit gibt. Besonders bei den jugendlichen Gangs. Da muss ich dann schlichten. Auch mit anderen Bürgermeistern verhandeln, wenn es um einen Streit zwischen beiden Dörfern geht.  Wenn ich dann sehe, dass es gefährlich wird, hole ich die Polizei dazu.

Frage: Kann das mal gefährlich werden?

Antwort: Ja sicher, besonders wenn dann noch Alkohol im Spiel ist sitzen bei manchen die Messer und sonstige Waffen, recht locker. Da rufe ich zur Vorsorge lieber gleich die Polizei zu Hilfe.

Frage: Sie sind also als Dorfoberhaupt,  Sprachrohr zur Provinz-Verwaltung,  Security-Beauftragte, Mädchen für alles? Beraterin, Streit-Schlichterin, die gute Fee quasi das Kindermädchen?

Antwort: Ja, so kann man das sagen. (lachend)

Frage: Viele Leute gehen weg und arbeiten in den größeren Städten. Zurück bleiben die Älteren und die Kinder. Haben sie damit ein Problem?

Antwort: Nein. Warum sollten wir damit ein Problem habe? Das ist doch normal. Hier gibt es nicht genügend Arbeit also müssen die Jüngeren dahin gehen, wo sie genug verdienen, um die Familie daheim zu ernähren. Die Kinder wachsen bei den Großeltern behütet auf und die Älteren haben dadurch eine Aufgabe.

Frage: Besteht denn die Aussicht, hier einmal ein wenig Industrie anzusiedeln um die Arbeitssituation zu verbessern?

Antwort: Ich glaube nicht. Wir haben nicht die Infrastruktur dafür. Wir haben vor allem keine richtige Wasserversorgung  und das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben zwar eine neue Pumpstation, aber, wie Sie selbst wissen, hat sich dadurch nichts gebessert. Das reicht nicht einmal für einen kleinen Betrieb.

Frage: Go Khating wird also noch lange vor sich hinträumen?

Antwort: Ich fürchte ja. Gebaut und investiert wird in den Ballungs- und Touristengebieten, nicht bei uns.

Frage: Pattaya z. B. lebt ja vom Tourismus, von den Farangs. Was halten Sie von dieser Entwicklung.

Antwort: Ich finde das gut. Da gibt es Verdienstmöglichkeiten und viele jüngere Leute aus Dörfern wie dem unsrigen finden dort ihr Einkommen und können die Daheimgebliebenen unterstützen.

Frage: Sie finden es also auch gut, dass viele, besonders junge Frauen, hier arbeiten?

Antwort: Ja. Es gibt nicht viel Arbeit. Besonders nicht auf dem Land. Und manche Frau findet ja auch einen Farang und kann ihr Leben ändern.

Frage: Wünschen Sie sich auch für ihr Dorf, dass viele Farangs hierher kommen?

Antwort: Ja, das wäre gut für uns. Aber das wird wie gesagt nicht passieren weil wir nicht einmal eine richtige Wasserversorgung haben. Kein Mensch baut hier ein Hotel. Vielleicht in einigen Jahren einmal.

  
Frage: Nun noch eine allgemeine Frage. Letztes Jahr fand in Thailand ein Regierungswechsel statt. Was halten Sie von dieser Situation.

Antwort. Herr Thaksin hat sehr viel für uns getan. Er hat sich vor allem für die Armen, für die Landbevölkerung eingesetzt. Er hat die Krankenversorgung für alle gesichert.

Und.................

Nun geschah etwas, was ich so nicht erwartet hätte. Mit hochrotem Kopf  brach ein Redeschwall aus ihr heraus. Ich konnte nur Bruchstücke verstehen. Aber was "dii gua"  heißt (besser), das verstehe ich in diesem Zusammenhang sehr gut. Sie hatte für einen Moment vergessen, dass ich mir Notizen machte und bat mich dann später, aus Rücksicht auf ihren "Golden Star", den sie mir vollen Stolz zeigte, die letzten Sätze nicht zu schreiben. Ich habe es ihr versprochen. Aber ich glaube, der geneigte Leser, der die derzeitige Situation einigermaßen kennt, braucht hier auch keine Beschreibung.


Zum Schluss fragte ich noch, was denn ihre Wünsche für ihr Dorf wären.

Antwort: Ich wünsche mir vor allem, dass jeder hier Arbeit finden, ein bisschen was verdienen  kann und für unsere Kinder wünsche ich mir einen  dorfeigenen Kindergarten und einen Spielplatz.

Wieder zuhause versenkte ich, nachdenklich geworden, meinen Fragekatalog im Papierkorb. Das ist nicht die Bürgermeisterin, wie wir sie in unseren Regionen antreffen. Das ist nicht die ?Amtsperson?, die über Kommunalpolitik dozieren könnte, die Haushalts-Angelegenheiten erörtern könnte.

Das ist eine Bürgermeisterin, wie wir sie auch in Deutschland vor vielen, vielen Jahren in Kleinstdörfern hatten. Sie ist die Ansprechperson im Dorf, sie ist Ratgeberin,  Fürsorgerin, Wächterin. Sie weiß, wie und wo man was beantragen muss, sie weiß, was in der jeweiligen Situation zu tun ist und sie ist diejenige, die handelt wenn es darauf ankommt. Sie ist die Mutter der Gemeinde, sie ist die Nanny eines 900-Seelen-Dorfes in Thailand.

_________________
Grüße aus Jomtien
Retepom
23.03.2013 12:44 Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Skype-Name
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